Das Alte Sigurdlied - Brot af Sigurdarkvidu

Mit diesem Liede kommen wir zu dem berühmten Nibelungenkreis. Ein Hauptstück davon war die tragische Liedfabel, die nach der
Heldin Brünhildsage heißt. Sie füllt die erste Hälfte des deutschen Nibelungenbuchs. Wie sie Jahrhunderte früher, als gedrungenes Stabreimlied, aussah, davon gibt unser Bruchstück einen Begriff.

Heusler

Dieses Lied stellt die älteste uns erhaltene Form der Werbungssage dar. Seine erste Hälfte fällt in die Lücke der Eddahandschrift und ist daher verloren. Den Inhalt können wir mit Hilfe der Wölsungensaga feststellen, jedoch nur annähernd: er ist dort mit dem eines andern Liedes verwoben, das ebenfalls verloren ist. Wir geben ihn deshalb nur kurz wieder. Die ersten beiden Gesätze teilt die Wölsungensaga mit. Brünhijd ist hier keine Walküre, sondern eine Schildjungfrau. Sie scheint schon hier zur Schwester Atlis gemacht zu sein (Wölsungensaga, vgL Str.
7). Damit stellt das Lied die Verbindung zur Sage vom Burgundenun tergang her, jedoch in anderer Weise als die deutsche Sage. Unklar bleibt, wie die irdische Maid zur Waberlohe kommt, die wir sonst nur bei außermenschlichen Wesen finden (Skirnirlied, Fjölswinnlied). Davon, dass Sigurd schon früher mit Brünhild zusammengetroffen sei oder sich gar mit ihr verlobt habe, lässt dieses Lied nichts erkennen. Aber Brünhild hat wohl damit gerechnet, dass nur Sigurd die Lohe werde durchreiten können. Als sie von dem Trug erfährt, verlangt sie Rache. Diese trifft zuerst Sigurd, dann aber auch Gunnar: Ihn hat Brünhild zu dem Eidbruch getrieben; und nun enthüllt sie ihm, dass nicht Sigurd, sondern er selbst meineidig geworden sei und daher untergehen müsse.
Auch am Schluss des Liedes fehlt wohl etwas. Wahrscheinlich hat es damit geendet, dass Brünhild ihren Entschluss kundtut, nun selbst zu sterben. Der Sammler hat dies hier weggelassen, weil spätere Lieder (Jüngeres Sigurdlied, Brünhildens Helfahrt) es genauer erzählen. Das Alte Sigurdlied scheint nicht vor der Jahrtausendwende geschaffen zu sein. Die Sprache ist nicht so verdichtet wie in den älteren Heldenliedern. Die Silbenzählung ist weitgehend durchgeführt.

Genzmer

 

Sigurd der Drachentöter hat Schwurbruderschaft mit Gunnar und Högni, den Söhnen Gjukis, geschlossen und hat ihre Schwester Gudrun zum Weibe bekommen. Gunnar beschließt, um Brünhild zu werben, die geschworen hat, nur den Besieger ihrer Waberlohe zu nehmen. Sigurd verspricht seine Hilfe. Umsonst versucht Gunnar, durch die Flammen zu reiten; als ihm Sigurd sein Roß leiht, geht dieses unter ihm nicht vorwärts. Da tauscht Sigurd mit Gunnar die Gestalt.

1
Der Brand raste,
der Boden wankte;
hohe Lohe
zum Himmel stieg.
Keiner wagte
von des Königs Schar,
hindurch zu reiten,
drüber zu setzen.

2
Sigurd Grani
mit Gram spornte;
die Rüstung blinkte,
die Regin schlug;
das Feuer sank
vor dem Fürstensohn;
die Lohe erlosch
vor dem Lobgierigen.


Sigurd tritt ein und nennt sich Gunnar. Brünhild ist enttäuscht und bekümmert. Aber getreu ihrem Schwur willigt sie in die Ehe ein und teilt drei Nächte das Lager mit ihm. Er legt sein blankes Schwert zwischen beide und sagt auf ihre Frage, was das bedeute, ihm sei bestimmt, so seine Vermählung zu begehen oder zu sterben. Sie wechseln die Ringe. Dann reitet er zurück und tauscht wieder mit Gunnar die Gestalt. Sie ziehen an den Königshof. Brünhildens Ring gibt Sigurd seinem Weibe Gudrun.
Über Jahr und Tag, beim Baden im Fluß, streiten Gudrun und Brünhild über den Vorrang ihrer Männer. Gudrun enthüllt der Gegnerin, dass Sigurd es war, der die Lohe durchritt und ihr Lager teilte, und überführt sie mit dem Ringe. Brünhild erbleicht, als wenn sie tot wäre, und redet an dem Tage kein Wort. Als Gunnar sie nach ihrem Leide fragt, sagt sie, jetzt wisse sie alles. Sigurd aber habe sie und ihn betrogen, als er ihr Lager teilte; sie wolle nicht zwei Männer haben in einer Halle. »Sigurd muß sterben oder du oder ich.« Gunnar entschließt sich, Sigurd zu verderben. Als er es seinem Bruder Högni sagt, spricht dieser:


3
»Wofür ist Sigurd
Sühne schuldig,
dass du den Tod
des Tapfern willst?«

4 Gunnar:
»Der Edling hat
Eide geleistet,
Eide geleistet,
alle gebrochen.
Da trog er mich.
wo er treu sollte
alle Eide
einzig wahren.«

5 Högni:
»Brünhild hat dir
zu böser Tat
Hass entzündet,
Harm zu wecken:
Sie gönnt Gudrun
den Gatten nicht;
dein Weib will sie
nicht weiter sein.«

6
Sie schnitten den Wurm,
sie schmorten den Wolf,
sie gaben vom Gierigen
Guttorm zu essen,
eh sie vermochten,
meintatlüstern,
an den klugen Helden
Hand zu legen.

7
Erschlagen ward Sigurd
südlich vom Rhein;
vom Baume rief
der Rabe laut:
»An euch wird Atli
Eisen röten;
der Meineid muss
die Mörder fällen.«

8
Draußen stand Gudrun,
Gjukis Tochter;
und also war
ihr erstes Wort:
»Wo habt ihr Sigurd,
den Heldenfürsten,
da meine Gefreundten
vorne reiten?«

9
(Alle schwiegen
bei ihren Worten;)
einzig Högni
gab Antwort drauf:
»Nieder hieben
den Helden wir;
der Hengst neigt das Haupt
auf des Herrn Leiche.«

I0
Da lachte Brünhild
zum letzten Mal —
das Haus hallte —
aus Herzensgrund:
» Lange waltet
der Lande und Degen,
da den kühnen Fürsten
ihr fallen ließt!«

11
Da sprach Gudrun,
Gjukis Tochter:
»Furchtbar sprichst du,
Frevelworte;
Geistern verfalle
Gunnar, der Mörder!
Rache werde
ruchloser Tat!«

12
Da sprach Brünhild,
Budlis Tochter:
»Wohl nun waltet
der Waffen und Lande!
Sigurds Eigen
war alles bald,
ließt ihr länger
am Leben ihn.

13
Schande wär es,
schaltete er
über Gjukis Gut
und der Goten Schar,
wo fünf Söhne
zur Volksherrschaft,
kampfgierige,
der König gezeugt.«

14
Nacht war es nun;
genug war getrunken,
getauscht waren manche
muntern Reden.
Bald schliefen alle,
die ins Bett kamen;
einzig Gunnar
lag ohne Schlaf.

15
Er regte den Fuß,
er redete viel;
denken musste
der Degen stets,
was Rabe und Aar
gerufen hatten,
hoch vom Baume,
als sie heimritten.

16
Wach ward Brünhild,
Budlis Tochter,
die Fürstenmaid,
früh vor Tage:
»Reizt oder wehrt —
Weh ist geschehn —,
Leid zu sagen
oder es so zu lassen!«

17
Alle schwiegen
bei ihren Worten;
wenige verstanden
die Weiberart,
als weinend sie
das Werk erzählte,
zu dem sie lachend
die Degen verlockt.

18
»Schrecken schaut ich
im Schlaf, Gunnar:
Kalt war der Saal,
klamm mein Lager;
du, Fürst, rittest,
des Frohsinns bar,
die Fessel am Fuß,
ins Feindesheer.

19
So wird vernichtet
der Nibelunge
mächtiger Stamm:
Meineid schwurt ihr.

20
So ganz, Gunnar,
vergaßest du,
dass ihr Blut in die Spur
beide träuftet!
Übel hast du
ihm alles gelohnt,
der als erster sich
immer bewährt.

21
Als der Recke kühn
geritten kam,
zu werben um mich,
da ward es kund,
wie fest den Eid
der Volksschirmer
gehalten hatte
dem jungen Herrscher.

22
Den Wundzweig legte,
umwirkt mit Gold,
der ziere Fürst
zwischen uns beide.
Die Schneiden waren außen
geschärft in Glut,
innen aber
geätzt mit Gift.«

 

Hier in diesem Liede ist von Sigurds Tod erzählt; und es kommt darauf hinaus, dass sie ihn draußen erschlugen. Aber einige sagen, dass sie ihn im Hause in seinem Bett im Schlaf erschlagen hätten. Aber deutsche Männer sagen, dass sie ihn draußen im Walde erschlagen hätten. Und so heißt es in dem Alten Gudrunliede, dass Sigurd und Gjukis Söhne zum Thing geritten seien, wo er erschlagen wurde. Aber das sagen alle einmütig, dass sie ihn treubrüchig hintergingen und ihn liegend und unbewehrt erschlugen.