Das Herwörlied

Ein einzelner Nachtauftritt, aus der Laufbahn der Heldin gegriffen und durch lauter Rede versinnlicht. Der äußere Hergang ist einfach, und über eine gewisse Gleichförmigkeit hat die Kunst des Dichters der langen Wechselrede nicht weggeholfen. Aber der zäh festgehaltene Umrißprägt sich zwingend ein. Den Reden gelingt es, Züge der schaurigen Umwelt zu erhaschen, auch die spärliche Handlung sichtbar zu machen. Um in die Schrecken der Gespensternacht einzuführen und den Wagemut der Heldin zu beleuchten, gibt der Dichter das kurze Vorspiel mit dem Hirten bei. Man denke es sich weg, und das ganze verlöre an bildweckender Kraft.

Heusler

Angantyr und seine Brüder hatte der überlebende Odd mit allen ihren Waffen in einem Grabhügel auf der Insel Samsey beigesetzt. Angantyr hinterließ als einziges Kind eine Tochter namens Herwör; die wurde groß und stark und gewöhnte sich früh an Schild und Schwert. Es litt sie nicht am Hofe ihres Muttervaters: als Mann gekleidet und bewaffnet, zog sie zu einer Wikingschar und nannte sich Herward, und bald wählten die Krieger sie zu ihrem Anführer.

Einst kamen sie vor Samsey, da wollte Herwör ans Land: in den Grabhügeln auf der Insel, sagte sie, sei reiche Beute zu machen. Aber keiner wollte mit ihr; es sei dort nicht geheuer, die Toten gingen um. Da ruderte sie allein im Boote nach der Insel; es war zur Zeit des Sonnenuntergangs.

1
Als die Sonne sank
sah einen Hirten
die junge Maid
zu Munarwag.

Der Hirte:
»Wer kam einsam
aufs Eiland her?
Heb dich von hinnen
zur Herberge!«

2 Herwör:
»Will nicht von hinnen
zur Herberge;
denn ich kenne hier
keinen Bewohner.
Eh du enteilst,
antworte rasch,
wo hier Hjörwards
Hügel man weiß!«

3 Der Hirte:
»Frag nach anderm!
Unklug bist du,
Wikinggesell.
Dein Weg geht fehl.
Fliehn wir eilend,
was die Füße können!
Unheimlich ist's
außen für Menschen.«

4 Herwör:
»Kleinode biet ich,
Kunde zu lohnen.
Schwer zu schrecken
der Schlachtfreund ist.«

Der Hirte:
»Keiner könnte
durch Kleinode,
rote Ringe,
zurück mich halten.

5
Wahnwitzig dünkt mich,
wer weitergeht,
wer einsam naht
Nachtgespenstern.
Hell flackert Feuer.
Hügel sich öffnen;
Feld brennt und Flur.
Fliehn wir eilend!«

6 Herwör:
»Mag Feld und Flur
in Flammen stehn,
dieses Geschnaube
schreckt mich wenig.
Lassen wir gar nicht
Graus uns wecken
solche Recken!
Reden wir weiter!«

7
Da floh der Hirt
dem Holze zu,
entsetzten Sinnes
ob solchen Worts.
Doch unverzagt
ob ihres Ziels
hob sich Herwör
das Herz in der Brust.

Sie sah nun die Hügelfeuer und die Hügelbewohner draußen stehn. Sie ging dorthin und fürchtete sich nicht, obgleich alle Hügel auf ihrem Wege lagen. Sie ging vorwärts in diese Feuer, als ob sie im Dunkeln schritte, bis sie zum Hügel der Berserker kam. Dann sprach sie:

8 Herwör:
Wache, Angantyr!
Dich weckt dein Kind,
Herwör, die Swawa
dem Helden gebar.
Gib aus dem Hügel
das harte Schwert,
das Zwerge einst
im Zwang schufen.

9
Herward, Hjörward,
Hrani, Angantyr!
Unter Waldwurzeln
weck ich euch alle
mit Harnisch und Helm
und hartem Schwert,
mit Rüstung und Schild,
gerötetem Ger.

10
Seid wohl alle,
Arngrims Söhne,
falsche Männer,
zerfallen zu Staub;
will von Eyfuras
Erben niemand
erwidern der Maid
in Munarwag.

11
So fühlt alle euch
im Innern zernagt,
als modertet ihr
im Emsenbau!
Oder gebt das Schwert,
das Dwalin schuf!
Toten taugt nicht
treffliche Wehr.«

12 Angantyr:
»Herwör, Tochter,
was hebst du den Ruf?
Voller Gefahr
erfaßt dich Unheil.
Wirr bist du worden
und wahnbetört:
Wildes wagend,
weckst du Tote.

13
Nicht Vater barg
noch Freund mich im Grab,
Nicht gab man Toten
den Tyrfing mit.
Zwei, die lebten,
erlangten ihn,
und einem ward
zu eigen er jetzt.«

14 Herwör:
»Eins sag ehrlich!
Odin lasse
heil dich im Hügel,
hehlst du bei dir
den Tyrfing nicht!
Trotzig weigerst
du dein Erbe
dem einzigen Kind.«

15 Angantyr:
»Das Helgitter sank;
die Hügel sich öffnen;
sieh das Eiland
ringsum in Brand!
Schlimm ist es, außen
sich umzuschaun.
Flieh zu den Schiffen,
so schnell du kannst!«

16 Herwör:
»Nimmer nährt ihr
nächtlichen Brand,
daß Flammen mich
fliehen machten.
Nicht wanken wird
der Wille der Maid,
sieht sie auch Tote
am Tore stehn.«

17 Angantyr:
»Nicht nenn ich, Maid,
dich Menschen gleich,
da du nächtlich gehst
zu Grabhügeln
mit zierem Ger
und gotischem Stahl,
Helm und Harnisch,
vor der Halle Tür.«

18 Herwör:
»Meinte bisher,
menschlich zu sein,
eh euern Saal
ich aufgesucht.
Aus dem Grabe gib ihn,
der grimm dem Schild,
den Helmhasser,
Hjalmars Töter!«

19 Angantyr:
»Ich sag dir, Herwör -
höre mich wohl,
du Königskind! -,
was kommen muß:
Der Tyrfing, Tochter,
vertilgen soll -
glaub meinem Wort! -
dein ganz Geschlecht.«

20 Herwör:
»So zaubre ich's
zu den Toten,
daß bei Leichen ihr
lebend verfault.
Angantyr, gib
aus dem Grabe mir
der Zwerge Werk!
Nicht ziemt dir Trug.«

21 Angantyr:
»Unter den Schultern
das Schwert mir liegt.
Heißes Feuer
umhüllt es ganz.
Kein Weib weiß ich
weit auf Erden,
das diese Waffe
wagte zu fassen.«

22 Herwör:
»Will's in Hand
und Hut nehmen,
wird das scharfe Schwert
beschieden mir.
Feuers Flammen
fürchte ich nicht:
Der Brand verlischt,
wenn mein Blick ihn trifft.«

23 Angantyr:
»Toll bist du, Herwör,
ob tapfer auch:
offnen Auges
eilst du ins Feuer.
Geben will ich
aus dem Grab das Schwert,
du junge Maid;
mag es nicht weigern.«

24 Herwör:
Wohl nun tust du,
du Wikingsproß;
gibst mir das Schwert
aus dem Grabhügel.
Höher halt ich,
Held, die Gabe,
als nähm ich zu eigen
Norwegen all.«

25 Angantyr:
»Wenig weißt du -
Wahnsinn sprichst du,
frevelndes Weib -,
was dich freuen soll.
Tochter, der Tyrfing
vertilgen wird,
glaub meinem Wort,
dein ganz Geschlecht.«

26 Herwör:
»Will nun wieder
zum Wogenroß;
froh ist das Herz
der Fürstenmaid.
Wenig härmt mich,
Heldenerbwart,
ob meine Erben
sich einst entzwein.«

27 Angantyr:
»Nimm es denn hin!
Genieß es lange!
Halt in der Hülle
Hjalmars Töter!
Scheu die Schneiden,
geschärft in Gift!
Der Mordstahl bringt
mehr als Schaden.

28
Ein Sohn wird dein.
Der soll einmal
tragen den Tyrfing
und traun der Kraft.
Heidrek wird ihn
heißen das Volk,
den mächtigsten Mann
unterm Mondessaal.

29
Fahr wohl, Tochter,
will dir geben
zwölf Krieger Kraft,
kannst du mir traun,
Mut und Stärke,
das stolze Gut,
das zu eigen einst
Arngrims Söhnen.«

3o Herwör:
»Ruhet alle -
es reißt mich fort -
heil im Hügel!
Will von hinnen rasch.
Wähnte zu weilen
am Weltenrand,
als mich umflammte
des Feuers Glut.«