Das Hroklied

 

Ein Rückblicksgedicht, am nächsten mit Starkads Rückblick zu vergleichen. Der Inhalt spinnt Das Innsteinlied, den Untergang König Halfs, weiter. Hrok der schwarze ist einer der Halfsrecken, die schwerwund der Walstatt entkommen sind. Nun lebt er an fremdem Hof und sinnt auf Rache. Seine Rückschau gilt dem teuern Gefolgsherrn; sie preist das Wikingtreiben unter seiner Führung und ergänzt so das Lied von Halfs Tode.

Heusler

Als Hrok, Hamunds Sohn, unerkannt und ungeehrt bei König Haki lebte, bewarb sich um dessen Tochter Brünhild ein König namens Swein. Er wurde abgewiesen und drohte mit feindlichem Überfall. Da versprach König Haki seine Tochter dem Wifil, Sohne des Jarls Hedin, wenn er das Land vor Swein schütze.
Eines Tages, als die Frauen des Hofes in die Haselnüsse gegangen waren, sah die Königstochter Brünhild einen stattlichen Mann an einen Baum gelehnt stehn; es war Hrok der schwarze; sie hörte ihn dieses Lied sprechen:

1
»Sagen will nun
der Sohn Hamunds
unser beider
Brüder Abkunft:
Hervorragte
mein Vater weit
über Haki hier
an Heldenmut.

2
Keiner wollte
Wifil dort gleichen,
hütete Hamunds
Herden er auch;
ich sah keinen
Sauhirten dort
unbeherzter
als Hedins Erben.

3
Weit edler war
einst mein Leben,
als noch dem Helden
Half wir folgten:
alle waren
einmütig wir;
rings in den Reichen
raubten wir da.

4
Alle hatten
wir Heldenart,
wo der kluge Fürst
Kampfmut prüfte;
im grauen Helm
griffen wir an,
rasche Recken,
der Reiche neun.

5
Half sah ich haun
mit beiden Händen:
Des Schildes Schutz
verschmähte der Held.
Ob fern du fährst,
findest du keinen
härter an Herz
und an Heldenmut.

6
Manche schmähen,
die es schlecht wissen,
Halfs Tapferkeit
sei Tollheit bloß:
Nicht kennt den Herrn
von Halogaland,
wer Narrheit nur
nennt seinen Mut.

7
Fürchten durfte
kein Fechter den Tod,
auch nicht äußern
ein ängstlichWort;
folgen durfte
dem Fürsten nicht,
wer sein Gesetz
nicht sorglich hielt.

8
Stöhnen durfte
ein Streiter nie,
dem geschlagen ward
schwere Wunde,
noch blutigen Hieb
verbinden lassen,
vor des nächsten Tags
nämlicher Stunde.

9
Kränken ließ er
keine Gefangne,
keinem Weibe
Gewalt antun;
für die Maid mußte
Mahlschatz man zahlen,
funkelndes Gold,
nach des Vaters Rat.

10
So viel Fechter
führte kein Kiel,
daß wir davor
geflohn wären,
ob auch unsre Schar
viel schwächer war,
daß ihrer elf
einer bestand.

11
Uns blieb immer
die Oberhand,
wenn's auf Schlachtschilde
zu schlagen galt;
einen nur weiß ich
ebenso kühn:
König Sigurd
im Saal Gjukis.

12
Viele Fechter
die Flotte trug,
kühn und beherzt,
mit dem König selbst:
Börk und Brynjolf,
Bölwerk, Haki,
Egil und Erling,
Aslaks Söhne.

13
Von den Männern mir
am meisten galten
Hrok, mein Bruder,
Half, der König,
Styr der Starke,
die Stein beide,
entschloßnen Geists,
Gunnlöds Söhne.

14
Hring und Halfdan,
Helden beide,
rechtschaffne Degen,
Dag der Schmucke,
Starki und Steingrim,
Stuf und Gauti;
eine schönre Schar
schaust du nimmer.

15
Wikinge waren
Wal auch und Hauk,
beide verwegen,
dem Gebieter wert.
Keine können
beim König hier
höher gelten
als Halfs Recken.

16
Diesen Degen
dünkte ich nicht
ein mindrer Sohn
meiner Sippe;
schärfsten Helden
hießen sie mich,
immer einander
Ehre gönnend.

17
Wemund das Banner,
der wackre, trug,
Björn und Bersi,
dem Gebieter vor;
trefflich stellte
die tapfre Schar
sein Leben lang
der Lenker auf.

18
Lange genoß
sein Leben nicht
als der Taten Lohn
der Landrecke:
Auf See ging er
zwölf Sommer alt;
dreißigjährig
der Degen fiel.

19
So manche Nacht
muß ich darum
lange wachen,
wenig schlafen,
seit mein Bruder
brennen mußte
lebend im Feuer
mit den Freunden sein.

20
Der trübste Tag
traf mich, soweit
Menschen wissen,
meines Lebens;
Wonne winkte
nie wieder uns,
die dem Fürsten einst
gefolgt waren.

21
Lindern würd es
das Leid mir ganz,
könnt ich rächen
den Verrat an Half,
könnte ich Asmund
für den Königsmord
durchbohren die Brust
mit blankem Schwert.

22
Rache heisch ich
für den reichen Herrn,
da man den Fürsten
im Frieden trog.
Manchen Mord hat
und Mannestod
zum Unheil uns
Asmund gewirkt.

23
Klar wird's zeigen
und kund sich tun,
kommen mit Swein
zum Kampfe wir,
wer auf der Walstatt
sich wackrer zeigt,
Hakis Helden
oder Hamunds Sohn.

24
So künd ich's denn
der klugen Maid:
Werben wollt ich
wohl um Brünhild,
wenn ich's wüßte,
ob gewillt sie sei,
Hrok zu minnen,
Hamunds Erben.

25
Kluge Helden
könnt ich erhoffen,
wird sie mein Weib,
wackre Degen:
Noch keine Maid
konnt ich finden,
so hochbegabt
wie Hakis Tochter.

26
Noch sieht mich hier
in Hakis Reich
jeder Bube
als Bastard an;
weiter innen
alle sitzen
am Hallentisch
als Halfs Recken.«