Das Innsteinlied

 

Helden norwegischer Abkunft treten in der Eddadichtung zurück, und meist haben sie die Art abenteuernder Wikinge, wie Orwar-Odd und Fridthjof. Auch unser Half aus dem Hardangerland erlebt eine achtzehnjährige Seekriegerjugend, von der die Saga einiges erzählt. Unsre Versdichtung aber weiß von Verrat unter Verwandten und von Heldentod, wie man es von einem der alten Heroen hätte singen können.

Heusler

Während Half Seekönig war, führte sein Stiefvater Asmund die Herrschaft in Hardanger. Als Half mit seinen Recken heimkehrte, zog ihm Asmund an den Hafen entgegen, schwur ihm Treueide und lud ihn mit der Hälfte seiner Mannen zu sich zum Gelage.
Am andern Morgen machte sich Half fertig und befahl, daß die halbe Mannschaft bei den Schiffen zurückbleibe. Da ergriff Innstein das Wort, der tapferste der Kämpen:

1
»Alle sollten
hinauf wir ziehn,
kühnste Kämpen,
von den Kriegsschiffen,
brennen lassen
des Gebieters Schar,
enden das Alter
Asmunds Mannen.«

2 Der König:
»Dieses Heeres
Hälfte will ich
friedlich führen
von der Flut hinauf:
Verheißen hat
der Herrscher uns
rote Ringe
reichlich nach Wunsch.«

3 Innstein:
»Asmunds Absicht
ahnst du wenig:
Falschheit verbirgt
der Fürst in der Brust.
Nimmer, Degen,
dürftest du traun,
bestimmten wir,
dem Stiefvater.«

4 Der König:
»Der Herrscher hat -
das Heer weiß es -
manchen Treuschwur
mir geleistet.
Eide zertritt
kein edler Fürst;
freveln wird er
am Frieden nicht.«

5 Innstein:
» Ingrimmig ist
Odin dir worden,
wenn du Asmund
allzusehr traust:
Alle wird er
uns verderben,
wenn Vorsicht, Fürst,
du fahren läßt.«

6 Der König:
»Angst zu äußern
treibt's immer dich;
nicht wird der Fürst
Frieden brechen.
Wir bekommen Gold
und Kleinode,
rote Ringe
aus reichem Gut.«


7 Innstein:
»Half, ich träumte -
höre darauf! -,
Lohe leckte
ob den Leuten dein.
Kaum wohl könnten
entkommen wir da. -
Wie dünkt zu deuten
dich dieser Traum?«

8 Der König:
»Goldroten Helm
geb ich jedem
kühnen Fechter,
der mir folgen will.
Das ist zu sehn,
als sengte Glut
meinem Heere
des Haars Felsen.«

9 Innstein:
»Noch eins träumt ich
zum andern Mal,
dass Feuer uns schon
auf den Schultern war.
Zweifeln muß ich,
ob das Zeichen gut. -
Wie dünkt zu deuten
dich dieser Traum?«

10 Der König:
»Schimmernde Brünnen
um die Schultern hier
klirren den Kriegern,
die zum Keil sich reihn.
Die Achseln dann
der edeln Schar
sieht man leuchten,
wie Lohe brennt.«

11 Innstein:
»Dieses träumt ich
zum dritten Mal:
Tief in die See
versänken wir.
Ein mächtig Geschick
muß man bestehn. -
Wie dünkt zu deuten
dich dieser Traum?«

12 Der König:
»Genug ist nun
Narrheit geschwatzt!
Nichts steckt dahinter,
behaupte ich.
Sage nimmer
solche Träume
hier uns heute,
daß ich's hören muß!«

13 Innstein:
»Hört mich im Heer,
Hrok, ihr beide,
Utstein als dritter,
hör auch mein Wort!
Steigen wir alle
vom Strand hinauf!
Folgen wir nicht
des Fürsten Wunsch!«

14 Utstein:
»Lassen wir lieber
den Lenker hier
befehlen im Volk
die Fahrt für uns!
Wagen wollen
mit dem wackern Herrn.
wie's ihm beliebt,
das Leben wir.«


15 Innstein:
»Der Fürst folgte
auf der Fahrt draußen
gar manches Mal
meinem Rate.
Nun mag nicht mehr
meine Worte
hören der Herrscher,
seit hier wir sind.«

König Half zog mit der Hälfte seiner Mannschaft zum Hofe König Asmunds hinauf. Da war eine große Menge Menschen versammelt. Das Gelage war prächtig und der Trunk so stark, daß die Halfsrecken fest einschliefen.
König Asmund und seine Schar legten Feuer an den Saal. Da erwachte Innstein und sprach:

16
»Um die Krieger qualmt's
im Königssaal;
von den Schwertern schmilzt,
scheint mir, das Wachs.
Nun gilt es, Gold,
glänzenden Schmuck,
Helme zu spenden
den Halfsrecken!

17
Das heischt mein Herz,
daß Half wache!
Kein kleiner Brand
bricht um uns aus.
Jetzt, starker Fürst,
dem Stiefvater
Gaben vergilt
und grimmen Sinn!

18
Glücklich durchbrecht
die Giebelwand!
Zusammensinken
die Säulen schon.
Solang Menschen
leben, denkt man
an Halfs Heerfahrt
zum Herzoge.

19
Harte Helden
hurtig mögen
aus Gluten gehn
mit dem Goldbrecher.
Einmal endet
aller Leben.
Nicht scheut den Tod
der Schatzspender.«

Das wird berichtet, daß König Half und die Halfsrecken aus dem Feuer hinausgelangten und daß König Half und seine Gefolgschaft der Obermacht erlagen.

20 Innstein:
»Alle sah ich
einem folgen,
an Kühnheit gleich,
dem Königssohn.
Wieder schauen
scheidend wir uns.
Leichter als Tod
ist das Leben nicht.«

Jetzt kamen die Halfsrecken zum Kampfe, die bei den Schiffen geblieben waren. Da fiel ein großer Teil der alfsrecken. Der Kampf dauerte bis in die Nacht, ehe Innstein fiel. Zuvor sprach er:

21
»Hin sank nun Hrok
mit dem Heerführer
furchtlos zu Füßen
des Volkskönigs.
Übles hab ich
Odin zu lohnen,
versagte er Sieg
solchem Fürsten.

22
Folgte ins Ausland
achtzehn Sommer
dem Ringbrecher
rötend den Speer.
Soll keinem mehr,
kampffreudigem
Edling, dienen
noch alt werden.

23
Hier muß Innstein
nun hinsinken,
kühn, zu Häupten
des Heerkönigs.
Das soll im Volk
Sage künden,
daß lachend Half
aus dem Leben schied.«