Das dritte Sittengedicht

Dieser dritter Spruchweise macht den Eindruck eines Nachzüglers. Wir sind hier in ein ganz anderes Zeitalter gekommen; das Christentum macht sich bemerklich neben grell heidnischen Geboten der Faustrechtlehre: eine seltsame Mischung, wie sie ähnlich in isländischen Geschichten aus dem 12., 13. Jahrhundert begegnet.
Die Ruhe des selbstsicheren Weltbeschauers ist gewichen einem dringlichen Zureden, der trockne Scherz einen fast bänglichen Wesen. Durch die vom nordischen Altertum geschaffenen Formen vernimmt man den Tonfall der Kanzel.

1
Das rat ich zum ersten,
dass du rechtschaffen dich
gegen deine Nächsten benimmst;
sei langsam zur Rache,
tun sie auch Leid dir an!
Das bringt Heil nach dem Hinscheiden.

2
Das rat ich zum andern,
dass du Eide nicht schwörst,
die der Wahrheit zuwider sind;
schlimme Fäden
sind an den Schwurbruch geknüpft;
verfemt ist der Friedenswolf.

3
Das rat ich zum dritten,
dass auf dem Thinge du nicht
dich einlässt mit Elenden:
ein unweiser Mann
sagt ärgeres leicht,
als er wirklich weiß.

4
Ganz schlimm ist´s,
schweigest du dazu:
dann findest man feige dich
oder nennt wahr sein Wort;
verloren der Leumund ist,
wenn man sich nicht wacker bewährt:
andern Tags
gib Tod dem Flaschen!
Lohn ihm die Lüge so!

5
Das rat ich zum vierten,
wenn eine ruchlose Hexe
an deinem Wege wohnt:
gehen ist besser,
als Gast zu sein,
mag auch nahn die Nacht.

6
Augen voll Umsicht
brauchen Erdensöhne
bei feindlichem Gefecht:
schlimme Weiber
sitzen an Wege oft,
dämpfen Schlachtmut und Schwert.

7
Das rat ich zum fünften,
wenn du Frauen hold
auf der Bank erblickst:
von den schön geschmückten
lass dir den Schlaf nicht rauben!
Begehre keinen Kuss!

8
Das rat ich zum sechsten,
wenn Rauschwort bei Männern
voll Hass sich erhebt:
nicht hadre trunken
mit Helmbäumen!
Das Bewusstsein stiehlt Wein.

9
Lärm und Bier
ist Leuten gewesen
oft zum Unheil schon:
dem einen zum Tod,
dem andern zur Trübsal:
mannig ist Menschenleid.

10
Das rat ich zum siebenten,
wenn mit Recken voll Mut
dir ein Streit entsteht:
sich schlagen ist besser
für den Schmuckträger,
als zu brennen im Bau.

11
Das rat ich zum achten,
dass du Arges meidest
und nicht Buhlstäbe brauchst:
nicht verführe die Maid
noch die Frau des andern!
Nicht verlocke zur Liebschaft sie!

12
Das rat ich zum neunten,
dass zur Ruh du bergest,
wen auf dem Feld du findst,
mag er waffentot
oder wellentot
oder siechtumstot sein.

13
Ein bad soll man
dem Verblichenen rüsten,
waschen Hände und Haupt,
ihn kämmen und trockenen,
eh er kommt in den Sarg,
ihm Friedensruh erflehn.

14
Das rat ich zum zehnten:
nicht Zutrauen schenke
dem Wort des Wolfssprossen,
traf seinen Bruder dein Beil,
hast du den Vater gefällt:
ein Wolf steckt im Wachsenden,
ward er auch begütigt durch Gold.

15
Glaube nicht,
dass der Grimm leicht schläft,
der Hader und Hass!
Witz und Waffen
muss der Wackre haben,
der gescheit erscheinen will.

16
Das rat ich zum elften,
dass du vor Unheil dich hütest,
welchen Weg es wandern mag.