Der Urfehdebann - Tryggdamál

Was uns der Götterglaube versagt, das gewährt uns das Rechtsleben:
die breit entfaltete und im Wortlaut echte Einkleidung eines amtlichen Vorgangs.
Alle rechtsförmlichen Handlungen bei den alten Germanen waren begleitet von umständlicher und vorgezeichneter Rede. Das meiste davon, wie auch die Gesetze selbst, war Prosa. Aber oft hab es sich zu vershafter Prägung: teils zu verstandesklaren Formeln, die innerlich verwandt sind mit dem Sprichwort oder dem Epigramm, teils zu gefühlsmäßigen Ergüssen, die in die Reihe der Zaubersprüche und Verwünschungen gehören. Die reichsten Beispiele für beides bieten die „Urfehdessprüche“, die in Island und Norwegen den gegnerischen Parteien zum Abschluss des schiedlichen Vergleichs vorgesagt und dann von ihnen durch Eid und Handschlag bekräftigt wurden.
Sie beginnen mit nüchterner Feststellung der Sachlage: der Streit ist durch Buße beglichen. Dann folgt die Mahnung: haltet fortan guten Frieden, wo ihr euch auch trefft! Die Sprache dieser Teile erinnert an die Sittensprüche; ein paar abstraktere Zwischenglieder sind Prosa. Dann kommt das Hauptstück, der Bannfluch: wer diesen Vergleich bricht, soll friedlos sein überall! Und dieses „überall“ wird zerlegt in eine lange Reihe geschauter Einzelbilder, die uns wie im Flug über die Erde führen. Dies ist nicht mehr Spruchdichtung, sondern hat einen lyrisch-seherhaften Zug und erreicht in den Versen vom Falken ein Naturbild von hinreißender Anregungskraft. Das nächste Stück, das die Besieglung des Vertrags feststellt, hat wieder die sachliche Art des Eingangs. Den Schluss machen Verse, die sich noch einmal zu Segen und Verwünschung erheben.
Wo von „Dichtung im Recht“ die Rede ist, da wird man dem nordischen Urfehdebann einen Ehrenplatz zugestehen.

Heusler

Streit war zwischen Thorodd und Thorbjörn; aber jetzt ist er beigelegt und mit Geld gebüßt,

wie die Wäger es wogen
und die Zähler es zählten
und der Spruch es sprach
und die Nehmer es nahmen
und fort es führten
als volle Gabe
und empfangenes Geld,
dem in die Hand gezahlt,
der es haben sollte.

Ihr sollt sein

versöhnt und gesellt
bei Met und Mahl,
bei Gericht und Ratsversammlung,
beim Kirchenbesuch
und im Königshause;

und überall, wo Männer sich versammeln, da sollt ihr so ausgesöhnt sein, als hätte sich niemals dieser Streit zwischen euch erhoben. Teilen sollt ihr

Messer und Mahl
und alle Dinge
unter euch beiden
als Freunde und nicht als Feinde.

Wenn künftig Streit zwischen euch entsteht, anders als recht ist, das soll man

mit Geld büßen,
doch nicht den Ger röten.

Doch wer von euch

angreift den Urfehdeschwur
oder zertrümmert das Treuegelöbnis,

der sei

so weit wölfisch,
friedlos und flüchtig,
soweit Menschen
Wölfe jagen,
Christenmenschen
Kirchen besuchen,
Heiden opfern
im Heiligtum,
Feuer flammt,
Flur grünt,
Knabe Mutter ruft,
Mutter Knaben nährt,
Leute Lohe fachen,
Schiff schwimmt,
Schilde blinken,
Sonne scheint,
Schnee fällt,
Finne Schi läuft,
Föhre wächst,
Falke fliegt
frühlingslangen Tag,
steht ihm Brise frisch
unter beiden Flügeln,
Himmel sich wölbt,
Heim bewohnt ist,
Wind braust,
Wasser zur See strömen,
Knechte Korn säen.

Meiden soll er

Kirchen und Christenmänner,
Gottes Hauser
und Höfe der Menschen,
jedes Heim
nur die Hölle nicht.

Nun fasset beide das heilige Buch, auch liegt nun auf dem Buche das Geld, das Thorbjörn büßt für sich und seinen Erben, geboren und ungeboren, gezeugt und ungezeugt, genannt und ungenannt. Thorbjörn nimmt entgegen den Treuschwur, aber Thorodd leistet

ewigen Treueschwur,
den man immer soll halten,
solange Marken stehn
und Menschen leben.

Nun sind Thorodd und Thorbjörn

geeint und ausgesöhnt,
wo zusammen sie sind,
auf Haff oder Heide,
Schiff oder Schneeschuh
auf See oder im Sattel,
sollen Riemen teilen
und Ruderbank,
Schöpfkelle
und Schiffsdiele,
wo es dessen bedarf,

so ausgesöhnt miteinander

wie Vater und Sohn
oder Sohn und Vater
in allem Umgang.

Nun legen sie ihre Hände ineinander, Thorodd und Thorbjörn:

haltet wohl den Treueid
nach dem Willen Christi

und aller Männer, die da hörten den Urfehebann!

Gottes Huld habe,
wer hält den Treueschwur,
seinen Zorn, wer zerreißt
gerechten Treueschwur,
doch Huld, wer ihn hält!
Seid zum Heil versöhnt!
Wir alle sind Zeugen,
die um euch stehen.