Die Odinsbeispiele

Kurze Erzählungen, die einen Satz der Lebensklugheit beleuchten, hat man mancherorts in Verse gefasst. Die Nordländer konnten den Gott Odin zum Sprechen wählen; er gibt ein eigenes Erlebnis zum besten, ein Abenteuer bei den Riesen: das eine Mal eine missglückte Liebeswerbung, das andre Mal die berühmte Gewinnung des Dichtermets. In diesem zweiten Beispiel schlägt er den Ton siegesbewussten Spottes an, in dem ersten bietet er mit geistreicher Selbstironie sich selber dem Gelächter dar; es war ein allerliebster Einfall, für die vielbeklagte Falschheit der Frauen den geprellten Verführer zum Zeugen aufzurufen! Von einem dritten Vertreter dieser Kleinkunst sind drei Strophen bewahrt, die uns den Verlust des Übrigen bedauern machen. Wieder scheint es um die Metgeschichte zu gehn, aber diesmal unrühmlich für Odin: Seine scherzhaft ärgerliche Stimmung ähnelt der des ersten Beispiels.

A. Das erste Beispiel

1
Mädchens Reden
soll der Mann nicht trauen
noch der Weiber Wort:
denn gleich rollendem Rad
ward bereitet ihr Herz
und Untreue eingepflanzt.

2
Das sah sich selbst,
als ich saß im Rohr,
wartend der Wonne mein;
wie Leib und Leben
war mir lieb die Maid,
deren ich doch nie genoss.

3
In ihrem Bett
fand ich Billings Maid
schlafen, die schneeweiße;
Jarls Wonne
galt gar wenig mir,
wenn ich sie nicht besitzen sollt.

4
"Eher, Odin,
magst du abends kommen,
wenn´s zur Zwiesprach dich zieht:
arg ist die Schande,
wenn nicht einzig wir
erfahren solchen Fehl."

5
Wieder kehrt ich,
der Weisheit vergaß ich,
lechzend nach Liebe nur;
das wähnte ich,
dass ich gewinnen sollte
viel Liebe und Lust von ihr.

6
So kam ich da,
dass das Kriegsvolk alles
wachte, das wackere:
mit hellen Fackeln
und erhobenen Scheitern
wies man mir den Weg.

7
Näher dem Morgen,
als ich nochmals kam,
lag die Schar im Schlaf:
eine Hündin fand
auf der herrlichen Maid
Bett ich gebunden da.

8
Voll Falschheit ist,
erfährt man´s genau,
wider den Mann oft die Maid;
das sah ich selbst,
als die besonnene ich
zum Fehltritt verführen wollte:
jeglichen Schimpf
tat die Schlaue mir an,
und nicht gewann ich das Weib.

B. Das zweite Beispiel

1
Fröhlich sei der Mann
und freundlich zum Gast,
auf seine Dinge bedacht,
beredt und beraten,
sucht er rechte Weisheit,
oft erlangt man dann Lohn;
Erztölpel heißt,
wer zu allem schweigt,
das ist des Unklugen Art.

2
Zum Riesengreis zog ich,
nun bin zurück ich gekommen;
nichts verschaffte mir Schweigen
viel Wort
dort: sprach ich zum Vorteil mir
in Suttungs Saal.

3
Ratis Mund
ließ ich mir Raum schaffen
und durchfressen den Fels;
oben und unten
standen der Eisriesen Wege:
so setzt ich mich selber ein.
4
Gunnlöd gab mir
auf goldenem Stuhl
einen Zug vom Zaubertrank;
leidigen Lohn
ließ ich ihr übrig
für vertrauensvolle Traue,
für sorgenvollen Sinn.

5
Die betörte Schöne
hab ich schlau benutzt:
nichts ist Weisen verwehrt;
denn Odrörir
ist nun aufgestiegen
zur Wohnung des Weltenherrn.

6
Ungewiß acht ich,
ob enteilt wäre
aus der Riesen Reich,
frommte mir nicht Gunnlöd,
die freundliche Maid,
die mich innig im Arme hielt.


7
Am folgenden Tag
gingen Frostriesen,
zu forschen bei Har,
nach der Halle Hars;
sie fragten nach Bölwerk,
ob er sich berge in Asgard
oder ob ihn Suttung versehrt.

8
Den Eid auf den Ring
hat Odin geleistet;
wer soll seinem Treueschwur traun?
Den betrogenen Suttung
ließ er des Trankes beraubt
und Gunnlöd in Gram.

C. Aus dem dritten Beispiel

1
Nicht ist so gut,
wie sie gut es nennen,
das Äl den Erdensöhnen;
denn es hat der Mann,
je mehr er trinkt,
desto weniger Bewusstsein.

2
Vergessenheit heißt der Reiher,
der überm Rauschtrunk schwebt;
er stiehlt uns den Verstand.
Dieses Vogels Federn
fesselten mich
in Gunnlöds Gastsaal.

3
Berauscht ward ich,
ward riesig berauscht,
bei Fjalar, dem vielklugen;
das beste am Rausch ist,
dass zurück ein jeder
sein Bewusstsein gewinnt.