Die Wölsistrophen

 

Von der Bekehrung Norwegens, um das Jahr 1000 herum, erzählten die Isländer des 13., 14. Jahrhunderts allerlei Anekdoten, geschichtliche und gefabelte. Eine der gefabelten hat als Schmuck diese elf losen Strophen.
Ein treues Abbild heidnischen Hausgottesdienstes gibt dieser Schwank uns nicht. Der Erzähler wird einen abergläubischen Brauch seiner eigenen Zeit beobachtet haben: der barg einen heidnischen Kern, das Herumreichen einer Opfergabe, einer Spende an ein Fruchtbarkeitswesen. Die so eigenartigen Strophen 1 – 9 mit ihrer Anerde an das verehrte Wesen setzen wohl wirklich einen Ritus fort. So sprechen hier zu uns, wenn auch durch Scheidewände, heidnische Opfersprüche.
Die Prosa, von der hier nur ein Auszug folgt, stellt es so hin, als habe der Wölsi selber den Bauersleuten als Gottheit gegolten; aber elbische Wesen steckt in dem – sonst unbekannten – Namen Mörnir.

Heusler

Der heilige König Olaf erfuhr, dass die Leute auf einem abgelegenen Hof im Nordlande noch heidnischen Brauch übten. Als sein Schiff einmal dort in der Nähe angelegt, nahm er zwei seiner vertrauten Mannen, den Norweger Finn Arnason und den isländischen Skald Thormod, mit sich: sie gingen, alle drei in unscheinbarer Verkleidung, nach dem Hofe hin. Dort nannten sie sich alle drei Grim und setzten sich mit den Hausgenossen – Bauer und Bäuerin, Sohn und Tochter, Knecht und Magd – zum Essen. Die Bäuerin trug in einem Leintuch den Wölsi herein; das war das Glied des Lasthengstes, das sie nach dem Schlachten im Herbst aufgehoben und Durch Kräuter vor dem Faulen geschützt hatte: allabendlich hatte ihm die Familie ihre Verehrung bezeigt. Die Bäuerin nahm den Wölsi aus dem Tuche, legte ihn dem Bauer in den Schoß und sprach:

1
Gehegt bist du, Wölsi,
und gehütet wohl,
in Linnen gehüllt
und mit Lauch gestärkt.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Hier nun, Bauer,
nimm hin den Wölsi!
Den Bauer ließ das ziemlich
gleichgültig; er nahm ihn jedoch
und sprach:

2
Nicht weiter würde,
wenn mein Wunsch geölt,
dieses Opfer
abends gebracht.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Sohn des Bauern,
sieh den Wölsi!
Der Bernsohn ergriff den Wölsi
und hob ihn hoch; er schwenkte
ihn seiner Schwester zu und
sprach:

3
Bringt den Stößel
vor Brautjungfern!
Die sollen abends
ihn anfeuchten.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Du Haustochter,
nimm hin den Wölsi!
Ihr behagte das recht wenig; sie
musste sich aber doch der Haussitte
fügen, fasste ihn ganz zaghaft
an und sprach:

4
Das schwör ich bei Gefjon
und den Göttern allen:
ich fasse den roten
Rüssel nicht gern.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Knecht meiner Eltern,
nimm an den Wölsi!
Der Knecht ergriff ihn und
sprach:

5
Ein Brot däuchte
viel besser mich
als dieser Wölsi
an Werktagen.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Dienstmagd des ofs,
drücke den Wölsi!
Die Magd fasste ihn sehr zärtlich,
drückte ihn an sich, tätschelte ihn
und sprach:

6
Nicht wollt ich mich
dawider sperren,
lägen wir zwei
zur Lust vereint.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Grim, unser Gast,
ergreif den Wölsi!
Finn nahm ihn und hielt ihn vor
sich; darauf sprach er:

7
Ich lag far oft
vor Landzungen,
zog behände
hoch das Segel.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Grim, Genosse,
ergreif den Wölsi!
Er gab ihn darauf Thormod; der
nahm ihn und sah sich sehr genau
an, wie der Wölsi gestaltet war;
darauf lächelte er und sprach:

8
Nie sah ich zuvor,
ob fern ich zog,
solch Gebilde
über Bänke wandern.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Du, Hauptgrim, auch
nimm hin den Wölsi!
Der König nahm ihn und sprach:

9
Steuerer war ich
und Stevenhauptmann
und Anführer
alles Volkes.
Nimm an, Mörnir,
die Opfergabe!
Hund des Jauses,
hüte das Opfer!
Damit warf er ihn auf den Fußboden
hin; der Hund aber packte ihn
sofort. Aber als die Alte das sah,
flog alles an ihr; sie brauste mächtig
auf und sprach:

10
Wer ist der Mann,
mir unbekannt,
der Hunden gibt
heiliges Opfer?
Durch Türritze schlüpf ich
und Torangel,
wüsst ich zu retten
die Weihegabe.

11
Leg dich, Lärir,
lass mich ihn nehmen!
Verschling ihn nicht,
schändliches Vieh!

Da warf der König seien Verkleidung ab, und sie erkannten ihn. Er lehrte sie darauf den rechten Glauben, und mit Gottes Gnade nahmen sie ihn an, und der König ließ sie durch Hofpfaffen taufen.