Die Zauberlieder - Ljodatal

Aus Deutschland und England haben wir stabreimende Zaubersegen, die die wrkliche Formel in ihrem echten Wortlaut enthalten; zuweilen beginnen sie mit einem erzählenden Teil. solche Gebilde fehlen in der Edda. Unser Gedicht zeigt uns eine lange Reihe von Zaubersprüchen - segnende und schädigende - aus der Ferne: es zählt auf, für welche Lebenslagen ein "Lied" zu Gebote stand, es zeichnet die Wirkung der Sprüche - aber ihren Wortlaut vernehmen wir nicht. Eine umschreibende Inhaltsangabe von Zauberliedern. Sittengeschichtlich werden wir reich belehrt, man fühlt sich noch in heidnischer Luft. Den Gott Odin sah man als Meister in diesen Künsten an, aber einige unsrer Strophen weisen eher auf einen menschlichen Zögling, so 6, 13, 18.
Allerlei Fremdartiges, nach Inhalt und Form, hat sich angesetzt. Die mythisch gefärbte Str. 15 sieht nach einer steigernden Schlusswirkung aus; sie mag die Zugabe zu einem runden Dutzend Sprüche gewesen sein.

Heusler

1
Die Lieder kann ich,
die keine Königin weiß
und niemandes Nachkomme:
Hilfe heißt das erste;
es wird helfen dir
in Not und Nachstellung.

2
Ein andres kann ich;
den Erdenkindern nützt es,
die heilende Hand üben:
(es scheucht Krankheit
und die Schmerzen alle,
heilt wunden und Weh.)

3
Ein drittes kann ich,
drängt mich die Not,
zu hemmen Hassgegner :
stumpf mach ich
den Stahl der Feinde,
nicht beißt ihr Waffen und Wehr.

4
Ein viertes kann ich,
wenn ich Fesseln man mir
die Gelenke legt:
die Weise sing ich,
dass ich wandern kann;
es springt das Band mir vom Band,
die Fessel von der Faust.

5
Ein fünftes kann ich,
seh ich feindlichen Speer
geschleudert in die Schlacht:
nicht fliegt er so hart,
dass ich ihn nicht hemmen könnte,
wenn ich mich dem Aug ihn anschau.

6
Ein sechstes kann ich,
versehr mich ein Mann
mit böser Baumwurzel:
diesen Gegner,
der Grimm mir weckt,
trifft zuerst das Unheil.

7
Ein siebentes kann ich,
seh den Saal ich lodern
hoch überm Hallenvolk:
nicht brennt er so breit,
dass ich ihn nicht bergen könnte;
den Segen ich singen kann.

8
Ein achtes kann ich,
das allen Männern
zu vernehmen nützlich ist:
wenn Hass wächst
unter Helden söhnen,
kann ich´s schlichten schnell.

9
Ein neuntes kann ich,
wenn mich Not auf See
mein Schiff zu schützen zwingt:
den Sturm auf dem Meer
stille ich
und besänftige die See.

10
Ein zehntes kann ich,
seh ich Zauberinnen
in der Höhe hinfliegen:
das gelingt mir,
dass sie ledig fliehen
ihrer Hüllen heim,
ihrer Hexenkraft heim.

11
Ein elftes kann ich,
wenn alte Freunde
ins Gesicht ich führen soll:
in die Schilde raun ich,
und ruhmvoll ziehn sie
heil zum Handgemenge,
heil vom Handgemenge,
kehren heil wieder heim.

12
Ein zwölftes kann ich,
seh ich zittern im Wind
den Gehenkten am Holz:
so ritze ich
und Runen färb ich,
dass der Reche reden kann
und vom Galgen geht.

13
Ein dreizehntes kann ich,
wenn eines Degens Sohn
mit Wasser ich weihen soll:
nicht wird er fallen,
wenn ins Feld er zieht,
ihn erschlägt kein Schwert.

14
Ein vierzehntes kann ich,
soll ich dem Volk der Menschen
die Himmlischen herzählen:
von Asen und Alben
weiß ich alle Kunde;
kein Witzloser weiß davon.

15
Ich kann dies als fünfzehntes,
das vor Dellings Tor
Thjodrörir ertönen ließ:
er sang Kraft den Asen,
den Alben Gewinn,
Weisheit Walvater.

16
Ein sechzehntes kann ich,
wenn von besonnener Maid
ich Liebe und Lust begehr:
dem weißarmigen Weib
wend ich den Sinn
und wandle den Willen ihr.

17
Ein siebzehntes kann ich,
dass mich selten flieht
die mädchenhafte Maid:
dieser Lieder
wirst du, Lddfafnir,
lange bar bleiben,
ist dir´s heilsam auch, hörst du sie,
nützlich, vernimmst du sie,
frommend, befolgst du sie.

18
Ein achtzehntes kann ich,
das ich alle hehle,
sei´s Mutter oder Maid -
das beste ist immer,
was nur einer weiß;
das sei mein letztes Lied -,
außer der einen,
die im Arm mich hält
oder deren Bruder ich bin.