Einzelstrophen und Splitter

Neben den umfänglichen Sittengedichten gab es gewiss seit Alters einzelne spruchhafte Gesätze, gleichsam Epigramme in stabreimenden Versen. Es mochten auch zwei oder mehr solcher Gesätze, durch den Gedanken verknüpft, eine mittlere Einheit bilden. Derartige Strophen haben sich da und dort in die größeren Werke eingeschlichen; wir stellen sie hier zusammen. Möglich ist ja immer, dass es Splitter aus ganzen Sittengedichten sind. Die ersten fünf Gesätze weisen bestimmter auf solchen Ursprung hin, da sie ihren Gegenstand, die Beziehung der Geschlechter, beschaulich und gründlich abwägen; das klingt nach weiterem Zusammenhang.

Heusler

Der Kenner der Liebe

1
Klar sprach ich jetzt,
denn ich kenne beides:
falsch sidn Männer zu Mädchen
da schwatzen wir schön, [auch;
wo wir schlecht denken:
das bestrickt auch Verständige.

2
Schmeicheln soll
und Geschenke bringen,
wer Minne der Maid begehrt,
rühmen die Gestalt
der rosigen Frau:
wer lobt, erlangt.

3
Lästern sollte
seiner Liebe halber
man den Nächsten nie:
oft packt den Verständigen,
was den Stumpfen nicht packt:
der liebreizende Leib.

4
Lästern sollte einer
am anderen nimmer,
was manchen Mann ereilt:
Weise zu Toren
wandelt bei den Menschen
der Minne Macht.

5
Die Seele nur weiß,
was da sitzt im Herzen:
seinen Sinn kennt man selber nur;
keine Krankheit
ist für den Klugen schlimmer,
als fremd aller Freude sein.

Unwert des Reichtum

6
Nicht weiß der Mann,
der wenig weiß:
oft macht Reichtum verrückt;
der eine ist reich,
der andre arm:
man verachte das Unglück nicht!

7
Volle Pferche
sah ich bei Fettlings Söhnen;
ihnen blieb jetzt der Bettelstab:
Reichtum enteilt
wie ein Augenblick:
er ist der flüchtigste Freund.

8
Der Unweise,
wenn zu eigen er Gut
oder Liebe erlangt:
der Stolz wächst ihm,
der Verstand aber nicht;
er steigt höher im Hochmut nur.

Lehren der Vorsicht

9
Frischgesätem Felde
soll man fest nicht trauen,
noch zu sehr dem Sohn:
den Wuchs lenkt das Wetter,
sein Wille den Sohn;
böse kann beides sein.

10
So ist der Frauen Liebe,
die Falsches sinnen,
als reite man auf Glatteis
ein Ross ohne Stollen,
ein wildes zweijähriges,
das noch wenig gezähmt,
als kreuze man im Sturm
mit steuerlosem Schiff,
als wolle einholen ein Lahmer
auf Aperm ein Rentier.

11
Zwei zwingen einen;
die Zunge tötet das Haupt;
hinter jeder Hülle
hab der Hand ich acht.
Die Nacht begrüßt,
wer der Nahrung traut.
Schmal sind Schiffswinkel.
Herbstwetter hält sich nicht;
oft dreht der Wind
in drei Tagen
und im Monat noch mehr.

12
Bedacht und verschwiegen
und schlachtkühn sei
eines Königs Kind:
munter und heiter
sei der Männer jeder,
bis der Tod ihn trifft.

13
An kleinen Sanden
an kleinen Seen
ist klein der Bewohner Witz;
denn nicht ebenbegabt
sind alle Menschen:
beide Gruppen sind gleich.

14
Besser nichts erfleht,
als zu viel geopfert:
auf Vergeltung die Gabe schaut;
besser nichts gegeben,
als Großes gespendet:
(eitel manch Opfer bleibt.)