Gripirs Weissagung - Grípisspá

Hier hat ein Isländer im ersten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts einen überblick über Sigurds Lebenslauf gegeben, den er aus den ihm bekannten Sigurdliedern zusammengestellt hat. Sagengeschichtlichen Wert hat dieses junge Lied für uns deshalb, weil der Verfasser Lieder benutzt hat, die in der Lücke der Eddahandschrift verloren gegangen sind. Der zukunftkundige Oheim, der Sigurd sein ganzes Leben voraussagt, wird eigene Erfindung des Dichters sein.

Genzmer

Der Junge Sigurd ritt einst allein über Land und kam zur Halle eines Fürsten. Vor dem Tore redete er einen Mann an, der nannte sich Geitir.
Sigurd fragte ihn:

1
»Wer gebietet
in dieser Burg?
Wie heißen die Mannen
den Herrn des Landes?«

Geitir:
»Den Herrn der Helden
heißt man Gripir,
der festes Land
und Volk beherrscht.«

2 Sigurd:
»Ist der weise Herrscher
daheim im Land?
Ist mich zu empfangen
der Fürst bereit?
Auskunft ist not
dem Unbekannten;
schnell begehr ich,
Gripir zu sehn.«

3 Geitir:
»Der frohe Fürst
wird Geitir fragen,
wer der Recke sei,
der Rat begehrt.«

Sigurd:
»Bin Sigmunds Sohn,
Sigurd heiß ich,
doch Hjördis ist
des Helden Mutter.«

4
Da ging Geitir,
Gripir zu sagen:
»Ein Mann ist außen,
ein unbekannter.
Des Helden Gestalt
gar stattlich ist;
er fordert, Fürst,
Empfang bei dir.«

5
Aus der Halle trat
der Herr der Krieger
und bot dem Helden
Heil und Willkomm:
»Tritt ein, Sigurd,
eher war besser!
Du, Geitir, gib
auf Grani acht!«

6
Froh plauderten
viel sie beide,
da die ratklugen
Recken sich sahn.

Sigurd:
»Melde, vermagst du's,
Mutterbruder,
wie mein Leben
verlaufen wird!«

7 Gripir:
»Unterm Himmel
wirst du der hehrste,
ob allen Herrschern
hochgeboren,
ein Goldvergeuder,
geizend mit Flucht,
edel zu schaun,
gescheit in Worten.«

8 Sigurd:
»Sag, weiser Fürst, -
ich wüßte gern mehr -
Sigurd genau,
wenn du's sehen kannst:
was begegnet mir
gutes zuerst,
wenn ich dein Land
verlassen habe?«

9 Gripir:
»Zuerst wirst du, Fürst,
den Vater rächen
und Eylimi,
das Unheil sühnen:
du wirst Hundings
harte Söhne,
die schnellen, fällen,
die Schlacht gewinnen.«

10 Sigurd:
»Sag mir, Oheim,
edler König,
ohne Umschweif,
da wir offen reden:
schaust du Sigurds
schnelle Taten
hoch sich heben
zum Himmelsdach?«

11 Gripir::
»Allein erschlägst du
den schillernden Wurm,
der gierig liegt
auf der Gnitaheide;
gar bald bringst du
beiden den Tod,
Regin und Fafnir -
ich rede Wahrheit.«

12 Sigurd:
»Reich ist die Beute,
erring ich nun,
so wie du sagst,
den Sieg über beide.
Weiter schaue!
Wissen laß mich,
wie dann mein Leben
verlaufen wird!«

13 Gripir:
»Finden wirst du
Fafnirs Lager,
heben sollst du
den Hort, den reichen,
Granis Rücken
mit Gold beladen;
zu Gjuki kommst du,
kampfstolzer Held.«

14 Sigurd:
»Weiter sollst du
in weiser Rede,
Deuter der Zukunft,
dem Degen sagen: -
als Gjukis Gast
geh ich von hinnen -
wie dann mein Leben
verlaufen wird.«

15 Gripir:
»Auf dem Hochland schläft
die Herrschertochter,
hell im Harnisch,
seit Helgis Tod;
mit scharfem Schwert
schneiden wirst du,
mit Fafnirs Töter
trennen die Brünne.«

16 Sigurd:
»Die Rüstung brach,
es redet die Maid,
erweckt hab ich
das Weib vom Schlaf;
was wird die Frau
dem Fürsten sagen,
das für den Degen
gutes bedeutet?«

17 Gripir:
»Sie wird den Recken
Runen lehren,
die alle Männer
zu eigen wünschen,
in aller Menschen
Mundart zu reden,
und gute Heilkunst;
sei glücklich, Fürst!«

18 Sigurd:
»Beendet ist's,
Einsicht erlangt,
gerüstet bin ich
zum Ritt von dort.
Weiter schaue!
Wissen laß mich,
wie dann mein Leben
verlaufen wird!«

19 Gripir:
»Hin zu Heimirs
Hofe reitst du
und weilst als Gast
gern beim König.
Zu Ende ist
all mein Wissen,
begehr nicht weiter,
Gripir zu fragen!«

20 Sigurd:
»Lust weckt mir nicht
dein letztes Wort,
da du vorwärts, Fürst,
noch ferner siehst:
schlimmes Unheil
schaust du für mich,
weil du, Oheim,
dies eine hehlst.«

21 Gripir:
»Von Anfang an
vor Augen lag mir
licht dein Leben;
verlang nicht mehr!
Nicht bin ich mit Recht
ratklug genannt
und Weissager:
mein Wissen ist aus.«

22 Sigurd:
»Keinen König
kenn ich auf Erden,
der Künftiges weiter
erkennt als du.
Verbirg mir nichts,
ob's böse sei,
ob schlimmer Tat
auch schuld ich bin!«

23 Gripir:
»Kein Tadel wird
dich treffen auf Erden,
das kann ich, König,
verkünden dir;
solange Menschen
leben, wird hoch,
Schwertsturms Nährer,
dein Name stehn.«

24 Sigurd:
»Schlecht gefällt mir's;
scheiden will nun
Sigurd vom König,
da so es steht.
Zeige den Weg -
die Zukunft steht fest -
mir, wenn du magst,
Mutterbruder!«

25 Gripir:
»So will ich, Sigurd,
sagen genau,
da der Recke mich
zu reden zwingt -
wohl nun wisse,
dass wahr ich spreche! -
ein Tag ist dir
zum Tod gesetzt.«

26 Sigurd:
»Nicht reizen will ich
den reichen König,
nur guten Rat
von Gripir haben;
wissen will ich,
mag's erwünscht nicht sein,
was klar du siehst
als Sigurds Geschick.«

27 Gripir:
»Bei Heimir weilt
eine herrliche Maid,
Brünhild heißen
die Helden sie,
Budlis Tochter;
der treffliche Fürst,
Heimir, erzieht
die Heldenmaid.«

28 Sigurd:
»Was geht's mich an,
daß die edle Maid,
herrlich zu schauen,
bei Heimir erwächst?
Ganz begehr ich's,
Gripir, zu wissen:
erkennen kannst du
das künftige all.«

29 Gripir:
»Der Freude beraubt
den Recken sie,
die Maid bei Heimir,
herrlich zu schaun:
nicht kannst du ruhn
noch Recht sprechen,
meidest Menschen,
ist die Maid dir fern.«

30 Sigurd:
»Was besänftigt
Sigurds Kummer?
Sag mir's, Gripir,
wenn du's sehen kannst!
Werd ich die Maid
um Mahlschatz kaufen,
sie, die hehre
Herrschertochter?«

31 Gripir:
»Ihr werdet alle
Eide leisten,
feste Schwüre,
doch schlecht sie halten:
du bist Gjukis
Gast eine Nacht,
vergißt der klugen
Königstochter.«

32 Sigurd:
»Was heißt das, Gripir?
Gib mir Antwort!
Siehst du untreu
des Edlings Sinn?
Werd ich der Maid
mein Wort brechen,
die ich begehrte
aus ganzem Herzen?«

33 Gripir:
»Fremdem Truge,
Fürst, erliegst du;
entgelten mußt du
Grimhilds Ränke:
sie bietet dir
die blonde Maid,
ihre Tochter,
täuscht den Fürsten.«

34 Sigurd:
»Gunnars Verwandter
werd ich heißen,
Gudrun werd ich
zur Gattin nehmen;
glücklich hieß ich
des Helden Ehe,
trübte ihm nicht
der Treubruch den Sinn.«

35 Gripir:
»Grimhild wird dich
ganz betrügen:
sie bittet dich,
um Brünhild zu werben
zugunsten Gunnars,
des Gotenfürsten;
du gelobst die Fahrt
der Fürstenmutter.«

36 Sigurd:
»Unglück naht mir,
ich ahn es wohl;
von Sinnen ist
Sigurd da ganz,
ziehe ich aus,
die edle Maid
für Gunnar zu freien,
die ganz ich liebte.«

37 Gripir:
»Ihr werdet alle
Eide leisten,
Gunnar und Högni,
du, Held, als dritter;
ihr wechselt dann
auf dem Weg die Gestalt,
Gunnar und du -
Gripir lügt nicht.«

38 Sigurd:
»Wie geht das zu?
Sag, Gripir, warum
wechseln wir zwei
auf dem Weg die Gestalt?
Falschheit wird da
folgen noch mehr,
gefährlicher Art;
fahr fort, Gripir!«

39 Gripir:
»Du stehst in Gunnars
Gestalt und Gebärde,
hast deine Stimme
und deinen Verstand;
du verlobst dir
die lichte Maid,
die kühngesinnte,
kennst nicht Vorsicht.«

40 Sigurd:
»Das scheint mir schlimm:
schlecht wird heißen
Sigurd im Volk
ob solcher Tat;
nicht freut es mich,
der Fürstenmaid
Trug zu wirken,
die die trefflichste ist.«

41 Gripir:
»Zugleich wird beider
Brautmahl getrunken,
Sigurds und Gunnars,
in Gjukis Saal;
die Gestalt wechselt
ihr wieder daheim,
jeder jedoch
die Gedanken behält.«

42 Sigurd:
»Gewinnt Gunnar
ein gutes Weib,
der edle König?
Künd es, Gripir!
Doch schlief die hehre,
des Herrschers Braut,
drei Nächte bei mir;
das nimmt mich wunder.«

43 Gripir:
»Du ruhst bei ihr,
edler Schlachtheld,
als ob die Maid
deine Mutter sei.
Solange Menschen
leben, wird stehn,
Herrscher des Volks,
hoch dein Name.«

44 Sigurd:
»Wird die Ehe
uns Edlen dann
Segen bringen?
Sag mir's, Gripir!
Wird sich Gunnar
Glück erringen
durch solche Tat
und ich selber mir?«

45 Gripir:
»Du denkst des Schwurs,
schweigen wirst du,
du lebst mit Gudrun
in guter Ehe;
doch Brünhild meint
sich bös vermählt,
Ränke sinnt sie
zu rächen sich.«

46 Sigurd:
»Was wird Brünhild
als Buße nehmen,
daß voller Falsch
die Frau wir trogen?
Die Edle hat
Eide von mir,
lauter gebrochne,
entbehrt der Freude.«

47 Gripir:
»Sie wird zu Gunnar
gehn und sagen,
du habest nicht wohl
bewährt den Eid,
wo Gjukis Erbe,
der edle König,
festes Sinnes
auf Sigurd baute.«

48 Sigurd:
»Was heißt das, Gripir?
Gib mir Antwort!
Wird solche Rede
mit Recht mich treffen?
Verleumdet mich
die erlauchte Frau
und sich nicht minder?
Sag mir's, Gripir!«

49 Gripir:
»Es wird aus Groll
in Gram und Leid
übles dir antun
die edle Frau;
keine Schande
schufest du ihr,
täuschtet ihr auch
durch Trug die Maid.«

50 Sigurd:
»Wird der weise Gunnar,
Guttorm und Högni
der Aufreizung
der Edeln folgen?
Werden Gjukis Erben
Eisen röten
an ihrem Gesippen?
Sag mir's, Gripir!«

51 Gripir:
»Gram ergreift dann
Gudruns Seele,
wenn ihre Brüder
dein Blut vergießen:
das weise Weib
wird Wonne nie
wieder spüren -
das waltet Grimhild.«

52 Sigurd:
»Scheiden wir froh!
Das Schicksal siegt.
Den Wunsch hast du, Gripir,
mir wohl erfüllt.
Gern würdest du
gutes allein
mir verkünden,
könntest du das.«

53 Gripir:
»Das tröste dich,
tapfrer Herrscher:
dies Schicksal wird
dir beschieden sein:
kein edlerer Fürst
auf die Erde kommt,
untern Sonnensitz,
als, Sigurd, du!«