Hildebrands Sterbeblied

 

Hier haben wir die deutsche Hildebrandsage in der ganz anderen Form, die ihr der Norden gegeben hat. Aus dem tragischen Kampf zwischen Vater und Sohn ist hier ein Bruderkampf geworden. Hildibrand und Asmund sind Söhne einer Mutter. Als Vorkämpfer zweier Heere treffen sie zum erstenmal zusammen; Hildibrand muß sich zum Waffengang stellen, obwohl er den Gegner als seinen Bruder erkennt. Beide führen wunderbare Schwerter; aber Hildibrands Klinge zerbricht. Tödlich getroffen enthüllt er dem Sieger ihre Verwandtschaft.
Im vierten Gesätz ist merkwürdigerweise ein Splitter aus dem deutschen Hildebrandliede bewahrt: und zwar ist es gerade der dort verloren gegangene Schluß. Hier wird plötzlich der von Hildebrand erschlagene eigene Sohn, der deutsche Hadubrand, erwähnt. In dem isländischen Rückblickgedicht ist die Strophe so gemeint, daß der Sohn auf dem Schilde abgebildet ist, der zu Häupten des hingestreckten Hildibrand steht; in der deutschen Vorlage müssen sich die Verse auf den Leichnam des Sohnes selbst bezogen haben.

Genzmer

 

1
Dem Schicksalsschluß
gar schwer entgeht,
wer geboren ist
zum Brudermörder:
dich gebar Drot
in Dänemark,
dieselbe Mutter
mich in Schweden.

2
Geschmiedet waren
der Schwerter zwei,
Budlis Klingen;
nun brach die eine.
Geschickte Zwerge
schufen beide,
wie vorher und nachher
niemand es kann.

3
Zu Häupten steht mir
zerhauen der Schild,
(geziert mit Bildern
und blinkendem Schmuck;)
achtzig sind dort
abgebildet,
alle Fechter,
die ich gefällt.

4
Dort liegt mir zu Häupten
der liebe Sohn,
der einzige Erbe,
der mein eigen ward;
(ich liebte ihn
von allem Herzen,)
wider Willen
ward ich sein Töter.

5
Eine Bitte,
Bruder, hab ich,
einen Wunsch nur;
gewähr ihn mir!
Mit deinem Mantel
bedecke mich,
wie selten dem Toten
der Sieger tut!

6
(Leid nur bleibt uns,
verläßt uns das Glück;
doch niemand wendet
der Norne Spruch.)
Lebens ledig
lieg ich nun bald,
von wundgieriger
Waffe gefällt.