Priameln - Kleindichtung

Das Kennzeichnende dieser Kleindichtung, die besonders auch im Mittelhochdeutschen verbreitet war, besteht darin, dass eine Reihe von Gedanken, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, durch ein gemeinsames Bindeglied zusammengefasst werden. Der Name kommt von dem lateinischen Wort Praeambulum her.

1
Lobe abends den Tag,
nach dem Tode die Frau,
nach dem Hiebe das Schwert,
nach der Hochzeit die Maid,
bist du drüben, das Eis,
das Äl nach dem Trank!

2
Brechendem Bogen,
brennender Flamme,
krächzender Krähe,
klaffendem Wolfe,
wachsender Welle,
wallendem Kessel,
fallender Fluten,
fliegendem Speere,
einnächtigem Eise,
grunzendem Eber,
wurzellosem Waldbaum,
geringeltem Wurme,
der Braut Bettreden,
gebrochnem Schwerte,
spielendem Bären,
dem Spross des Königs,
krankem Kalbe,
selbsttätigem Knechte,
frischgefällter Walstatt,
der Wölwa Schmeicheln,
dem Töter des Bruders,
den man trifft auf dem Wege,
halbverbranntem Hause,
hurtigem Rosse -
bricht es ein Bein,
ist nicht zu brauchen das Pferd -:
so arglos sei keiner,
dass dem allem er traue!

3
Bei Wind schlag Waldbäume,
im Wetter rudre,
mit der Trauten sprich abends:
der Tag hat viel Augen;
den Schild nimm zum Schutze,
das Schiff zum Segeln,
zum Kampfe die Klinge,
zum Küssen die Maid,
beim Feuer trink Äl,
auf dem Eise lauf Schlittschuh,
kauf mager das Ross,
und rostig die Klinge,
daheim mach es fett,
doch den Hund auf dem Vorwerk!

4
Das Feld heilt den Rausch,
das Feuer Siechtum,
die Eiche Stuhlzwang,
die Ähre Behexung,
Mutterkorn Bruch -
den Mond ruf bei Wut an! -
die Seuche Beize,
die Sucht aber Runen.