Starkads Rückblick - Víkarsbálkr

Rückschauende Ich-Berichte, wie in Nr. 43-48, legten die Isländer seit dem 12. Jahrhundert auch männlichen Helden in den Mund. Als erster lockte dazu der Däne Starkad, denn sein Leben war reich an Taten und Leiden, und ihm hatte 0din, sein Schutzherr, die Dichtkunst verliehen.
Eine dieser Starkadklagen ist in nordischen Versen bewahrt. Der Held spricht sie am schwedischen Königshof, wo er, der reuige Flüchtling, Aufnahme gefunden hat und nun unter den jungen Höflingen sitzt. Er schaut zurück auf seine in Niedrigkeit verbrachten Knabenjahre, auf das ruhmreiche Kriegerleben unterKönig Wikar und auf die eigne Neidingstat, die dieser frohen Jugend ein Ende machte.
An Starkad versuchten die Heldendichter zuerst die kernhafte Häßlichkeit zu zeichnen: die älteren Helden waren immer leuchtend, herrlich und dergleichen.
Die ausführliche Prosasaga, die dem Gedicht zur Seite ging, erhellte die Zusammenhänge.

Heusler

1
Ein Kind war ich,
als das Kriegsvolk starb
Flammentod
mit dem Vater mein,
dem Volksbetreuer
auf Thrumas Flur,
dem Kampfreizer
König Haralds,
als den Schatzspender
Schwäger trogen,
Fjöri und Fyri,
Frekis Erben,
Brüder der Unn,
Oheime mein;

2
als Herthjof
den Harald trog,
die Treue brach
dem bessern Mann,
dem Egdenkönig
das Ende schuf,
des Fürsten Söhne
in Fesseln warf.

3
Drei Winter alt,
ward ich geführt
von Hroßharsgrani
nach Hördaland;
zu Ask begann ich
aufzuwachsen,
neun Sommer sah ich
die Gesippen nicht.

4
Kraft gewann ich:
es wuchs der Arm,
die langen Glieder,
das grimme Haupt;
der Herdputzer
beim Holze saß,
nach nichts fragend,
auf der niedern Bank.

5
Bis Wikar kam
vom Wachtfeuer,
Herthjofs Geisel:
in die Halle trat er;
er erspähte mich,
er sprach zu mir,
dass auf ich stand
und Antwort gab.

6
Der Held maß mich
mit Hand und Spanne,
beide Arme
abwärts zur Hand,
(Brust und Schultern,
das braune Haupt,)
haarbewachsen
bis zum Hals hinab.

7
Da sammelten sich
Sörkwir und Grettir
und Hildigrim
um Haralds Erben,
Erp und Ulf,
An und Skuma,
Hroi und Hrotti,
die Herbrandsöhne;

8
Styr und Steinthor
von Stad im Norden;
da war auch der greise
Gunnolf Blässe.
Wir waren dreizehn
Degen gesellt;
kühnre Fechter
findst du schwerlich.

9
So kamen wir
zum Königshof,
stießen ans Gitter,
stürzten Pfosten,
brachen Riegel,
entblößten Schwerter
wo siebzig Mann
zusammen standen,
erlesenes Volk
beim Landherrscher;
dazu kamen
der Knechte Schar,
Wasserträger
und Werkleute.

10
Im Streitlärm
stürmten wir vor,
kampffrohe
Königsmannen;
man konnte Ulf
und Erp da sehn,
brünnenlos hieb ich
mit beiden Händen.

11
Ein Wagnis war‘s,
Wikar zu folgen,
der immer als erster
im Angriff stand;
wir hieben durch Helm
und Halsberge,
schnitten Brünnen
und brachen Schilde.

12
Gewachsen war
Wikar der Ruhm,
doch heimgezahlt
Herthjof die Rache:
wund war die Schar,
erschlagen mancher;
nicht fern stand ich
dem Fall des Königs.

13
Nicht warest du
in Wikars Schar
vor Tages Anbruch
östlich zu Wän,
als wir den Strauß
stritten mit Sisar,
maßlos mächtge
Männertaten.

14
Das Schwert schlug mir
schlimme Wunde,
das schneidenscharfe,
durch Schildes Rand,
den Helm vom Haupt,
zerhaun war der Schädel,
der Kieferknochen
zerklafft auf die Zähne,
gelähmt aber
die linke Schulter;
die Narben sieht
man noch an mir.

15
Mir hieb von oben
auf einer Seite
der Held die Weiche
gewaltig durch;
die andre durchstieß
sein starker Speer,
dass kalt die Lanze
in den Leib sich grub.

16
Doch ich hieb
dem Helden da
mit scharfer Klinge
quer durch den Leib;
erbittert ließ ich
beißen das Schwert,
und meine Stärke
bestand die Probe.

17
Wikar gab mir
welsches Erz,
den roten Ring
an der Rechten mein,
er gilt drei Mark;
ich gab ihn Thruma.
Dem Fürsten folgt ich
fünfzehn Sommer.

18
Dem Fürsten folgt ich,
der Führer bestem,
meiner Fahrten
froheste Zeit,
eh wir eilten —
Unholde lenkten —
zu letzter Heimfahrt
nach Hördaland:
zu jenem Tag,
da Thor mir schuf
Neidings Namen,
Not ohne Maß:
schmachvoll sollt ich
Schande ernten.

19
Den Herrscher musst ich
an hohem Baum,
Geirthjofs Töter,
den Göttern weihn:
den Helden traf
ins Herz mein Speer;
das war meines Lebens
leidigste Tat.

20
Irrwege
eilte ich fort,
finsters Sinns,
dem Volk verhaßt,
Ringen fern
und Ruhmliedem,
herrenlos,
im Herzen Gram.

21
Nun schweifte ich
zum Schwedenvolk
nach Upsala,
dem Ynglingensitz;
stummen Sprecher,
stets bleibe ich‘s,
heißen mich hier
des Herrschers Söhne.

22
Ich kam zum Kreis
der Knappen hier,
lichtbrauiger
loser Spötter:
es höhnen hier
und haben Spott
mit altem Recken
geringre Krieger.

23
Man meint an mir
ein Mal zu sehn
riesischer Art:
acht der Hände,
da die Hände
dem Hergrimstöter
Thor einst nahm
auf Nordlandsklippen.

24
Jeder lacht,
laß ich mich sehn,
wilden Blick,
die Wolfsschnauze,
graues Haar,
hängende Schultern,
rauhe Haut,
den Hals voll Narben.