Das Walkürenlied - Darradarljod

Das Walkürenlied ist nicht in der Eddasammlung, sondern in einigen Handschriften der Njalssaga überliefert. Hiernach ist es ein Gesang von zwölf Walküren, die in einem Gemach, das sich in einem Hügel befindet, an einem grausigen Webstuhl sitzen, bei dem die Spannfäden Menschendärme und die Webgewichte Männerschädel sind. Wie das Gewebe fortschreitet, bestimmt es gleichzeitig den Verlauf der von den Walküren geleiteten Schlacht. Während die Walküren weben, befinden sie sich kraft einer Zauberwirkung gleichzeitig auf dem Schlachtfelde, wo sie zu Gunsten der Heiden gegen die Christen eingreifen.

Zum geschichtlichen Hintergrund des Liedes: Im Jahre 901 hatten die Wikinger Dublin verloren. Sie waren nach Nordthumberland ausgewichen und hatten in York ein neues Reich gegründet. Auf den schottischen Inseln und an der Küste von Wales hatten sie eine Reihe von Stützpunkten erobert. Im Jahre 913 unternahmen sie es, geführt von den jugendlichen Brüdern Sigtrygg, Ragnwald und Gudröd, ihr einstiges irisches Reich zurückzugewinnen. Im Jahre 916 brachten sie bei Confrey den iren eine schwere Niederlage bei. Ein irischer König fiel und mit ihm der Erzbischof von Armagh, der auf der Seite der Iren kämpfte. Es ist ganz klar, dass mit dem mächtigen Herrscher, dem der Tod bestimmt war (Str. 7, 5 - 6), dieser irische König gemeint war, und mit dem Jarl (Fürsten), der durch Speere hingestreckt werden sollte (Str. 7, 7 -8), der zweite Führer des irischen Heeres, der Erzbischof von Armagh.

Wenn es heißt, die von dem Iwargeschlecht geführten Wikinger seien bisher auf die Außenstrande beschränkt gewesen (Str. 7, 4), so trifft auch dieses zu. Denn sie besaßen im Gebiet der irischen See nur die auf den schottischen Inseln und an der Küste von Wales gewonnenen Stützpunkte. Die Weissagung, dass diese Männer nunmehr die Lande beherrschen sollten, ist ebenfalls eingetroffen und ebenso die, dass das Unheil, das über die Iren gekommen sei, nicht vergessen werden sollte; denn mehrere Menschenalter hindurch war es für die Iren ausgeschlossen, die von den Winkingen eroberten Lande zurückgewinne.

Am Tage der Brjanschlacht sah ein Mann in Nordschottland zwölf Gestalten auf eine Webekammer zureiten und drin verschwinden. Er schaute durch ein Guckloch hinein und sah zwölf Weiber an einem Webstuhl grausiger Art. Sie trugen zu ihrer arbeit dieses Lied vor:

1
Weist ist gespannt
zum Waltode
Webstuhls Wolke;
Wundtau regnet.
Nun hat an Geren
graut sich erhoben
Volksgewerbe
der Freundinnen
mit rotem Einschlag
des Randwertöters.

2
Geflochten ist es
aus Fechterdärmen
und stark gestrafft
mit Streiterschädeln;
Kampfspeere sind
die Querstangen,
der Webebaum Stahl,
das Stäbchen ein Pfeil;
schlagt mit Schwertern
Schlachtgewerbe!

3
Hild geht weben
und Hjörthrimul,
Sangrid, Swipul
mit Siegschwerter.
Schaft soll brechen,
Schild soll krachen,
durch Harnische
der Helmwolf dringen.

4
Webet, webet
Gewebe des Speers,
das der junge König
von je gekannt!
Vorwärts stürmet
ins Feindesheer,
wo unsre Freunde
wir fechten sehn!

5
Webet, webet
Gewebe des Speers?
Folget hinfort
dem Fürstensohn!
Voll Blut erblickt man
blanke Schilde,
wo den Könige Gunn
und Göndul schirmen.

6
Webet, webet
Gewebe des Speers,
wo kühner Fechter
fahnen schreiten!
Lasst sein leben
ihn sein Leben
ihn nicht verlieren!
Walküren lenken
der Walstatt Los.

7
Die Leute werden
der Lande walten,
die mit am Strande
hatten gehaust.
Der mächtige Herrscher
muss nun sterben:
Jäh ist vom Speer
der Jarl gefällt.

8
Und es wird Unheil
die Iren treffen,
das nie erlischt
in der Leute Sinn.
Das Werk ist geworden,
die Walstatt rot;
Volksverderben
fährt durch das Land.

9
Nun ist Schrecken
rings zu schauen:
blutige Wolke
wandert am Himmel;
rot ist die Luft
von der Recken Blut,
denen unsre Lose
zum Leid fielen.

10
Dem jungen König
kündeten wir
Siegeslieder;
wir singen Heil!
Doch der es hört,
behalte wohl
der Walküren Sang
und sag ihn den Mannen!

11
Spornt die Rosse
zu raschem Lauf!
Mit bloßen Schwertern
schwingt euch davon!

Damit ritten sie davon, sechs nach Süden und sechs nach Norden.